Lissabon
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Eine Stadt voller Gefühl und geheimnisvollem Zauber, dem es gilt, auf die Spur zu kommen
Herzlich, offen und entspannt: So empfängt Lissabon seine Besucher. Majestätisch liegt die portugiesische Metropole an der breiten Mündung des Rio Tejo. Lissabon umgibt der unwiderstehliche Charme vergangener Zeiten; gleichzeitig pulsiert das Leben in der Hafenstadt am Südwestrand Europas. Lissabon - auf Portugiesisch Lisboa (sprich: Lischbóa) - ist provinziell, großstädtisch, multikulturell und weltoffen. »Leben und leben lassen« ist das Motto. Ein gewisses Laisser-faire prägt die Stadt und ihre Bewohner fast mehr noch als die viel zitierte saudade, jene melancholische Wesensart, die als Schlüssel zur Volksseele der Portugiesen gilt und die kaum in deutsche Worte zu fassen ist.
Lissabons Herz schlägt am Rossio. Auf dieser breiten Esplanade mit dem kunstvollen Mosaikpflaster und den Terrassencafés herrscht kosmopolitisches Flair. Aktentaschen- und Krawattenträger, schicke Shopper im Designeroutfit, Teenager mit Handy am Ohr flanieren über den Boulevard, Gruppen von Afrikanern sind wild gestikulierend ins Gespräch vertieft, Losverkäufer, Straßenhändler und Schuhputzer kurbeln schnatternd ihr Geschäft an.
Über der Stadt thront wie eine steinerne Krone die mittelalterliche Burg Castelo de São Jorge. Das alte Alfama-Viertel darunter ist ein malerisches Labyrinth aus engen Gässchen und verwinkelten Treppchen, wo es nach vergangenen Zeiten (und gegrillten Sardinen) riecht. Windschiefe Gemäuer, an denen der Zahn der Zeit kräftig genagt hat, beherbergen kleine Bars (tascas), Gemüse- und Kramläden. Verblichene Kacheln (azulejos) zieren Wände und Bögen. Wie vor über 100 Jahren rumpeln die nostalgischen Straßenbahnen (eléctricos) ächzend die Hügel rauf und runter, in den Fenstern hängen kleine Vogelkäfige, darunter flattert die Wäsche im Wind. Eine Fahrt mit der berühmten Linie 28 der Uralt-Trams sollte sich niemand entgehen lassen.
Gegenüber dem Kastell liegt das Chiado-Viertel, Inbegriff der Lissabonner Eleganz. Hier haben sich die ersten Theater der Stadt, die Akademien der schönen Künste und der Architektur und die Hochschulen für Tanz und Musik angesiedelt. Vom Rossio geht es durch die Baixa (Unterstadt) in Richtung Tejo, vorbei an nostalgischen Lädchen und Shops internationaler Designer. Straßenmusikanten und fliegende Händler bevölkern die breite Fußgängerpromenade, die in den prachtvollen Praça do Comércio mündet. Davor glitzert das Wasser des Tejo in der Sonne. Bunte Fährschiffe schippern hin und her. Ab und an erinnert das monotone Horn eines Ozeanriesen daran, dass der Atlantik gleich vor der Haustür liegt. Vom Fluss aus gesehen wirkt Lissabon, vor allem im warmen Licht des Spätnachmittags, wie ein impressionistisches Gemälde - in Ocker und Pastelltönen gehalten, gesprenkelt mit Kirchturmspitzen und Kuppeln.
Die morbide Schönheit am Südwestrand Europas ist längst modern und trendy geworden. Die Weltausstellung Expo 1998 brachte Lissabon eine massive Stadterneuerung. Ganze Bezirke wurden neu hochgezogen und alte Viertel aufgemöbelt. Mit dem Zuschlag zur Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft 2004 brach ein erneuter Bauboom aus. Zwei hochmoderne Stadien von geradezu olympischen Dimensionen wurden allein in Lissabon gebaut: Die roten Adler von Benfica bekamen das neue Estádio da Luz, die grünen Löwen von Sporting ihr neues Estádio José Alvalade. Viele Straßen, Plätze und Häuser wurden restauriert, Schienen und Bahnhöfe modernisiert.
Lissabon ist heute mehr denn je eine Stadt der Gegensätze. Neben mittelalterlichen Wohnvierteln ragen avantgardistische Türme in den Himmel. Hinter blätternden Fassaden verbergen sich Designerstores und Edeldiskotheken. Hippe Clubs und schicke Restaurants sind in die alten Hafenlager am Tejoufer eingezogen, im traditionellen Amüsierviertel Bairro Alto haben sich szenige Bars und schrille Läden eingemietet. Nostalgiker mögen in saudade schwelgen, das junge, nach Innovation und Veränderung strebende Lissabon gefällt sich nach dem Facelifting. Es hat neues Selbstbewusstsein gewonnen.
Die üblichen Großstadtprobleme machen natürlich auch vor Lissabon nicht Halt. Die Arbeitslosigkeit ist hier höher als im landesweiten Durchschnitt, trotz vieler Bemühungen seitens der Stadtverwaltung gibt es an der Peripherie immer noch slumartige Barackenviertel, und durch den großen internationalen Hafen sickern Drogen wie von selbst in die Stadt. Die Wirtschaft kränkelt. Portugal gehört zu den großen Defizitsündern innerhalb der Europäischen Union. Das Gesundheitswesen hängt am Tropf, das Ausbildungssystem ist seit langem reformbedürftig. Vor dem Parlament (Assembleia da República oder Palácio de S. Bento) gehören Demonstrationen von Gewerkschaften, Studenten und anderen Interessengruppen heute zur Tagesordnung.
Lissabon hat knapp 600000 Einwohner, im Großraum (Grande Lisboa) leben fast zwei Millionen Menschen. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Hunderttausende Zuwanderer (retornados) aus den ehemaligen Kolonien in Afrika strömten in den 60er- und 70er-Jahren ins Land. Sie haben sich in der portugiesischen Gesellschaft fast vollständig integriert. Zusammen mit den Einwanderern aus Brasilien, Indien (Goa) und dem chinesischen Macao gehören sie heute selbstverständlich zum Straßenbild der auf sieben Hügeln wuchernden Metropole. Zwar steigt die Bandenkriminalität im Festungswall der tristen Vorstädte, der Lissabon umgibt, doch die Verbrechensrate ist immer noch relativ gering.
Einer Legende nach wurde Lissabon von Odysseus gegründet. Die erste Blütezeit erlebte die Stadt unter den Römern, die sich 205 v. Chr. hier ansiedelten und aus ihr den bedeutendsten Handelsplatz Lusitaniens machten. Zeugen dieser Zeit sind die Ruinen des römischen Theaters (Teatro Romano) in der Alfama, das heute ein Museum ist. Einen noch dauerhafteren Eindruck haben die Mauren in der Stadt hinterlassen, die Lissabon im Jahr 714 eroberten. Unter ihrer 400 Jahre währenden Herrschaft wurde Lissabon ein Zentrum arabischer Kultur. Es entstanden als unbefestigte Vorstädte die heutigen Stadtviertel Alfama und Mouraria.
1147 gelang es König Dom Afonso Henriques, im Bunde mit den Kreuzfahrern die Stadt zurückzuerobern. Lissabon wurde Sitz der königlichen Familie und mit dem Ende der Wiedereroberung (Reconquista) im 13. Jh. Hauptstadt des jungen portugiesischen Königreiches. Ihre wahre Größe erreichte die Stadt im 15. und 16. Jh. mit den Entdeckungen und Eroberungen der portugiesischen Seefahrer. Bartolomeu Diaz umrundete 1488 das Kap der Guten Hoffnung. Zehn Jahre später entdeckte Vasco da Gama den Seeweg nach Indien, und kurz darauf landete Pedro Álvares Cabral in Brasilien. Bald besaß das kleine Portugal ein Weltreich, und Lissabon wird zur prächtigsten Metropole Europas. Schiffe, voll beladen mit Gold und Silber, Gewürzen und Edelhölzern, legten im Hafen an. Scharen von Händlern aus aller Welt strömten nach Lissabon, der florierende Handel brachte der Hauptstadt unermesslichen Wohlstand. Prachtbauten wie das Hieronymuskloster (Mosteiro dos Jerónimos) im Vorort Belém sollten Lissabons Rolle als blühendes Welthandelszentrum unterstreichen.
Die Goldene Epoche fand mit dem verheerenden Erdbeben im November 1755 ein abruptes Ende. Die Katastrophe legte binnen weniger Sekunden die Stadt in Schutt und Asche und kostete mehr als 40000 Menschen das Leben. Der damalige Außenminister Marquês de Pombal erwies sich als genialer Stadtplaner. Er ließ Lissabon auf dem Reißbrett wiederauferstehen. Gerade Straßen, klare Linien, rechte Winkel waren seine Vision - die Geburtsstunde der Unterstadt Baixa.
Es folgten Jahrzehnte wirtschaftlicher und politischer Turbulenzen. Das Königshaus versippte und brachte keine bedeutenden Persönlichkeiten mehr hervor. 1910 floh König Manuel II. nach Großbritannien ins Exil. Portugal wurde Republik und dann Diktatur. Der faschistische Diktator Oliveira Salazar leitete die Geschicke das Landes fast ein halbes Jahrhundert und machte es zum »Armenhaus Europas« - so seine eigene Worte.
Am Morgen des 25. April 1974 war plötzlich alles anders. Panzer rollten durch Lissabon, Militärtrupps patrouillierten in den Straßen der Hauptstadt. Aus allen Landesteilen marschierte das aufgebrachte Volk in Richtung Parlament. Das Militär schlug sich auf die Seite des Volkes, und die Diktatur wurde durch die fast unblutige Revolte beendet. Rote Nelken, in die Gewehrläufe der Soldaten gesteckt, wurden zum Symbol der Revolution. Noch heute wird jedes Jahr am 25. April zur Erinnerung an die Nelkenrevolution im ganzen Land der Tag der Freiheit (Dia da Liberdade) gefeiert. Danach ging es wieder bergauf mit Portugal. Mit dem Anschluss an Europa 1986 gewann das Land neues Selbstbewusstsein. In der Hauptstadt möbelte der umtriebige Kulturminister Carrilho die Kulturszene auf, 1994 wurde Lissabon Kulturhauptstadt Europas. Dann die Expo: 1998 präsentierte die Stadt die letzte Weltausstellung des ausgehenden Jahrtausends, ein Erfolgsevent, von dem Lissabon heute noch zehrt.
Außer dem Expogelände, das jetzt Parque das Nações (Park der Nationen) heißt, und dem Vorort Belém mit seinen vielen Museen und grandiosen Monumenten liegen Lissabons Hauptsehenswürdigkeiten alle recht nah zusammen. Die Stadt hat genau die richtige Größe, um sie bequem zu Fuß zu erkunden. Selbst die schweißtreibenden Hügel sind durch eine Hand voll Lifte (elevadores) und die eléctricos einigermaßen gezähmt.
Gutes Schuhwerk, ein offener Blick und ein wenig Geduld - mit diesem Rüstzeug können Sie Lissabon und seine Einwohner entspannt und mit Genuss kennen lernen.
